|
Strohballen: ------------------------------ Lieber Christoph! Da gibt es eine Skala, die ich erfunden habe. Sie reicht von +10 bis -10 und misst die Befindlichkeit eines Menschen. Wenn es Dir gut geht, so befindest Du Dich im positiven Bereich, wenn es Dir schlecht geht, dann eben im negativen. +/-0 ist völlig neutral, weder gut noch schlecht. Gerade eben im Atelier habe ich es wieder einmal geschafft. Ich hatte mein achtes Bild des heutigen Tages vollendet, saß in meinem Ohrensessel und betrachtete das Werk des heutigen Tages mitsamt all den anderen bereits fertigen Werken der vergangenen Zeit. Und in diesem Moment spürte ich diese unerträgliche Leichtigkeit des Seins (Felicitas liest gerade wieder dieses Buch von Kundera und ich habe heute mein zweites Bild "die Leichtigkeit des Seins" betitelt) und wusste mit einem mal, wo ich mich befand. Ich war genau auf +10 angekommen, ein herrlicher Zustand der Leichtigkeit, wenn auch ein wenig zittrig. Er hielt kurzzeitig an, auf der Rückfahrt nach Hause sank er auf +8 und zu Hause angekommen befinde ich mich nun auf ungefähr +7. Zur Zeit bin ich auf +7 und sehr glücklich darüber, denn +10 ist auf die Dauer sehr anstrengend. +10 ist ein hochenergetischer Zustand, orgiastisch und extrem erfüllend, der langfristig aber nicht zu halten ist. Wäre ein Mensch auf Dauer bei +10, so könnte er genauso gut stets auf +/-0 sein oder sich auch irgendwo im negativen Bereich befinden. Der Reiz der Skala liegt in der Wandlung der Befindlichkeit. Vor dem Arbeiten am Nachmittag habe ich heute mit Pippa gefrühstückt. Sie war in den letzten Tagen ihrer Aussage nach auf -8 bis -10 gewesen, weil sie sich von ihrem Freund getrennt hatte. Und nachdem sie dies vollzogen hatte, kam sie eben heute zu mir auf ein Frühstück. Ich sagte deswegen ein Date mit Angela ab, weil es mir wichtig war, Pippa zu diesem Zeitpunkt zu treffen. Sie ist die Frau, die ich liebe, ich weiß das und sie weiß es auch, doch wir reden nicht darüber. Ich bin mir nicht ganz klar, wohin meine Beziehung zu Pippa führen kann, auf jeden Fall genieße ich das jeweilige Zusammensein mit ihr. Sie ist die schönste Frau, die ich kenne und darüberhinaus die geistvollste. Theoretisch wäre sie meine ideale Partnerin, praktisch ist sie wieder eine meiner liebsten Freundinnen. Und als sie heute wieder gegangen war, da erfüllte mich eine tiefe Traurigkeit über die Vergänglichkeit des Daseins und Schmerz ob der Sehnsucht, die sie in mir zurückgelassen hatte. So ging ich ins Atelier und malte mein erstes Bild des heutigen Tages: "Sehnsucht", vorwiegend Blau (hell). Ich will Dir vom Malen schreiben. "Kunst bewegt sich immer am Rande der Katastrophe" sagt Nikolaus Harnoncourt. Damit trifft er mich voll. Mein gesamtes Leben hat sich - seit der Kindheit bis zum heutigen Tag - immer am Rande der Katastrophe abgespielt. Die Katastrophe meines Elternhauses wurde abgelöst von der Genialität der Schulzeit, die stets am Rande der Katastrophe wandelte, was das disziplinäre Verhalten anlangte, danach folgte die geniale Katastrophe des Studiums - ich kenne keinen Menschen, der mit einer derartigen Nachlässigkeit studierte und dabei solch eine Geschwindigkeit an den Tag legte; alle sechs ersten Diplomprüfungen in einem halben Semester sind wahrscheinlich Weltrekord - die mit dem katastrophalen Scheitern abschloss. Nicht zu vergessen sind meine Liebesbeziehungen, insbesondere zu Vicky und Angie, die immer am Rande der emotionalen Katastrophe entlangwandelten und hie und da auch diesen Grad verließen. Mein Leben hat sich immer am Rande der Katastrophe abgespielt, bis hin zum Höhepunkt der Geisteskrankheit, die wahrscheinlich schon mitten in der Katastrophe anzusiedeln ist. Mich freut es daher besonders, dass mich mein Freund Lloyd bereits 1993 voller Achtung als "Lebenskünstler" bezeichnet hat und sein Bruder Michael mir eines seiner Bücher einmal als "Lebenskünstler extraordinaire" widmete. Von ihnen beiden fühlte ich mich von Anfang an verstanden und begriffen. Lloyd und Michael haben begriffen, worum es mir im Leben geht. Mein Leben war, ohne es anfangs zu wissen, immer nur der Kunst gewidmet. Sei es in der Schule oder im Studium, beim Umgang mit Freunden und Freundinnen. Ich habe mein Leben immer als Kunst gesehen. Es ist eine Kunst, so zu leben wie ich. Ist das überheblich? Ist es vemessen, mein eigenes Leben als Kunstwerk zu begreifen? Ist nicht jedes Leben eine Kunst? Sehr wohl, ich denke, jedes Leben ist ein Kunstwerk, die meisten Menschen sind sich nur dessen nicht bewußt, so wie ich mir dessen lange Zeit nicht bewußt war. Und je mehr ich mir dessen bewußt wurde, desto mehr begann ich, diese Kunst auch aktiv auszuüben. Und so sind wir wieder beim Malen angelangt. Nach der heutigen Arbeit habe ich mir vorgestellt, wie Du und ich meine Kunst gemeinsam an Dritte kommunizieren würden. Wie könnte ich einem Galeristen oder einem potentiellen Käufer gegenüber Worte finden, um ihm meine Kunstwerke näher zu bringen. Was könnte ich sagen über meine Bilder? Muss ich überhaupt etwas sagen über sie? Ja. Ich muss etwas sagen können über meine Kunst. Es ist zuwenig, Kunstwerke herzustellen und danach stumm den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ich muss nicht auf der Ebene der Bilder sprechen, das kann ich gar nicht, denn die Bilder sprechen nur für sich. Ich muss jedoch über die Hintergründe dieser Kunst sprechen können, ich muss die Metaebene verbal bedienen können. Und hier stellt sich das Problem: "Wo liegt die Metaebene meiner Kunst?" Arthur Schopenhauer. Sigmund Freud. Sokrates. Vincent van Gogh. Heraklit. Ludwig van Beethoven. Wilhelm Furtwängler. Anton Bruckner. Sergiu Celibidache. Richard Strauss. Carlos Kleiber. Wolfgang Amadeus Mozart. Bruno Walter. Richard Wagner. Otto Klemperer. Franz Schubert. Alfred Brendel. Maria Montessori. Quentin Tarantino. Claude Lanzmann. Roberto Begnini. Woody Allen. Gustav Mahler. Winston Churchill. Adolf Hitler. Albert Speer. Joseph Goebbels. Albert Einstein. Claude Monet. Kasimir Malewitsch. Jackson Pollock. Pablo Picasso. Joan Miro. Arnulf Rainer. Hermann Nitsch. Yves Klein. Gugging. Das ist die Metaebene meiner Kunst. Wenn wir also über meine Kunst reden wollen, dann müssen wir über Adolf Hitler und Albert Einstein reden und über alle anderen auch. Die obige Auswahl ist naturgemäß ein nur unvollständiger Ansatzpunkt, sie beinhaltet jedoch schon die wichtigsten Eckpfeiler dieser Metaebene. Heute bin ich zum Abschluss durch das Atelier gegangen und habe ein Bild nach dem anderen betrachtet und klassifiziert: "Celibidachebruckner, Furtwänglerbeethoven, Kleiberstrauss, noch ein Celibidachebruckner, wieder ein Celibidachebruckner, hier wieder ein Furtwänglerbeethoven, da ein Kleiberstrauss." Und es gab ein einziges Bild, wo mir spontan nichts anderes einfiel als: "Wurm." Es war bei "Nothing". "Nothing" ist fast ein Kleiberstrauss. Ausserdem ist es fast ein Furtwänglerbeethoven. Und wenn ich ein bisschen überlege, dann sehe ich auch einen leichten Celibidachebruckner drinnen, ganz leicht, aber doch. Was also macht einen echten "Wurm" aus? Ein echter "Wurm" ist ein Kind, ein Kind dieser drei Kombinationen, das aber ohne Schopenhauer und Hitler und Munch nicht denkbar wäre. Es gibt kein "Nothing" ohne Arthur Schopenhauer, es gibt kein "Nothing" ohne Siegmund Freud. Und als ich heute meinen "Strohballen" fertiggestellt hatte, da wusste ich, dass ich im Olymp der Künste angelangt bin. "Strohballen" geht einher mit Malewitschs "Schwarzem Quadrat auf weissem Grund", übertrifft es sogar, weil es eine längere Geschichte hat und das "schwarze Quadrat" eben deshalb schon beinhaltet, während das "schwarze Quadrat" den "Strohballen" nicht beinhalten konnte. Daher musste Jesus auch am Kreuz sterben. Ich hätt ihn fast vergessen, meinen lieben Nazarener. Selbstverständlich wäre ein echter Wurm wie "Nothing" und all die anderen nicht denkbar ohne diesen Jesus von Nazareth. Ganz ein wichtiger Eckpfeiler meiner Metaebene, ebenso wie Buddha natürlich. Und so komm ich über meine psychotische Assoziation auf diese beiden Religionsgründer, ohne die ich mitsamt meiner Kunst nicht möglich wäre. Hast Du übrigens diese letzte Assoziation verstanden? Hast Du verstanden, warum ich von meinem "Strohballen" im Gegensatz zu Malewitschs "Schwarzem Quadrat" plötzlich auf Jesus komme? Ich vermute, Du hast es nicht verstanden, psychotische Assoziationen werden gemeinhin nicht verstanden, weil sie ein paar Ebenen überspringen, die in mir selbstverständlich mitgedacht sind, während sie von Dir naturgemäß nicht nachvollzogen werden können. Ich schildere die Assoziationskette stichwortartig, dieses Beispiel kann für andere dienen: Strohballen beinhaltet Schwarzes Quadrat - Schwarzes Quadrat beinhaltet Strohballen nicht - 100 Jahre Differenz - Schopenhauer beinhaltet Jesus - Jesus beinhaltet Schopenhauer nicht - 1800 Jahre Differenz - Pilatusfrage: "Was ist Wahrheit" - Jesus schweigt, weiss keine Antwort - kann Antwort nicht wissen - Schopenhauer war noch nicht auf der Welt - "Die Welt als Wille und Vorstellung" war noch nicht geschrieben - "Die Welt als Wille und Vorstellung" ist die Wahrheit - Jesus kann die Wahrheit daher nicht kennen - Jesus wird von Pilatus verurteilt - Jesus stirbt am Kreuz. Jesus musste am Kreuz sterben, weil das "schwarze Quadrat" den "Strohballen" nicht beinhalten konnte. Ende der Einführung in die Psychose. Ich hab Dir ja heute ein SMS geschrieben: "habe das genialste bild der welt gemalt: "strohballen" gott zum gruss peter" Ich musste es eben kommunizieren, was da gerade geschehen war. Ich habe mit einem mal realisiert, was mir mit diesem Bild gelungen war. Dieses Bild ist ein Geniestreich; ähnlich wie "Nothing", das halte ich auch für einen Geniestreich. Warum halte ich "Strohballen" für genial? Auf diesem Bild, es misst 60x60, siehst du auf weißem Grund ein ca. 30x30 großes ockerfarbenes Quadrat in der Mitte. Dieses Quadrat ist leicht ausgefranst, in seinem Korpus sind Striche erkennbar, quer und längs. Das gesamte ockerfarbene Quadrat erinnert an einen quadratischen kleinen Strohballen. Die Genialität liegt im Prozess, der zu diesem Ergebnis führt. Während Malewitsch vor 100 Jahren sich hinsetzt und denkt: "Ich will ein schwarzes Quadrat auf diesem weissen Grund malen.", dies in der Folge auch durchführt und nach diesem Ergebnis das Ende der Malerei postuliert, gehe ich, wie Dir ja bekannt ist, den genau entgegengesetzten Weg. Ich bilde nicht ab, was ich mir zuvor vorstelle (und sei es die radikale Reduktion auf ein schwarzes Quadrat), sondern ich bilde, ohne mir das Ergebnis vorzustellen. Ich lasse dem Prozess freien Lauf, ohne das Ergebnis von Vornherein zu kennen. "Bei jenen will er, was er erkennt, bei mir erkennt er, was er will." ist jener entscheidene Satz, der mich zu Schopenhauer geführt hat. Nicht das Ergebnis zu erkennen und dies nachrangig im Malprozess ausführen zu wollen, sondern zunächst nur zu wollen, ohne zu wissen was. Das Ziel ist die Erkenntnis dieses Prozesses des uneingeschränkten Wollens im Ergebnis des Malaktes. Malewitsch ist deswegen so bedeutend, weil er der Letzte war, der im geschichtlichen Fluss des Abbilds gemalt hat. Und er postuliert das Ende der Malerei, weil es in diesem Verständnis kein weiteres Werk geben kann, das nicht hinter Malewitschs "schwarzes Quadrat" zurückfallen würde. Alles Andere, was abgebildet werden könnte, war in irgendeiner Form irgendwann schon einmal da. (Hier geht die Malerei zeitlich mit der Architektur beinahe einher, auch dort wurde im Ausgang des 19.Jahrhunderts nur noch auf Früheres zurückgegriffen.) Bei Malewitsch ist die Malerei wahrlich an ihrem Ende angelangt, mehr kann nicht mehr gemalt werden - und weniger auch nicht. Malewitsch ist der turning point. Hier dreht die Malerei plötzlich um. Während bisher stets Abbilder geschaffen wurden, so entstehen danach plötzlich Bilder. Bilder der abstrakten Malerei, die auch ohne Claude Monet niemals denkbar wäre. "Die Kathedrale von Rouen", ich halte diese Bilder für epochal. Ebenso die "Seerosen", ohne sie ist keine abstrakte Malerei denkbar. Monet ist vielleicht der erste, der die Farbe auf der Leinwand von ihrem Abbild löst, möglicherweise hat es van Gogh schon vor ihm gemacht, nur war dieser sich seiner gewaltigen Leistung als Neuerer ganz sicher nicht bewußt. Schon bei van Gogh sehen wir die Farbe als reine Farbe, fast abgelöst vom dargestellten Abbild, sie hält aber dennoch am Bild fest. Ohne van Gogh, Monet und Andere hätte es die später folgende abstrakte Malerei so nicht gegeben. Die abstrakte Malerei des 20.Jahrhunderts ist in ihrer vollkommenen Neuheit gar nicht hoch genug einzuschätzen. Am radikalsten hat es meiner Ansicht nach Jackson Pollock ausgeführt. Da geht es in keinem Augenblick mehr um die Darstellung eines Abbilds, sondern nur noch um einen reinen Prozess des Malaktes, der dem Schopenhauer`schen Willensakt entspricht. Doch die abstrakte Malerei geht nicht weit genug, sie scheint von ihrer völligen Neuartigkeit selbst am meisten überrascht und überfordert. Die abstrakten Maler sind nicht in der Lage, die Vorgabe Schopenhauers zu erfüllen und zu "erkennen, was sie wollen". Sie wollen einfach malen, ohne danach als Ergebnis die Erkenntnis einsetzen zu lassen. Mit "Komposition in blau", "Ohne Titel", "Komposition 53" sind die abstrakten Ergebnisse des Malaktes in nichtssagende Titel gefasst. Interessanterweise kommt es gerade bei den Österreichern Rainer und Nitsch immer wieder zu Kreuzassoziationen. Nitsch stapelt ein paar Bilder übereinander und nennt diese dann "Kreuzwegstationen", Rainer schneidet die Leinwand in Kreuzform und nennt diese danach "Kreuz". Diese Assoziation entspringt jedoch augenscheinlich nicht dem Bildinhalt, sondern nur der äußeren Form, sie gleicht einem letzten Abgesang auf den Fisch und sein 2000 jähriges Zeitalter. Nitsch und Rainer wollen festhalten, woran nicht mehr festzuhalten ist. Das Fischzeitalter ist vorbei. Das Zeitalter des Wassermanns ist da. Was heißt das für die Kunst, was heißt das für die Malerei? Es heißt, dass die Malerei als eine Kunstform neben vielen steht und im Verbund mit anderen Künsten ihre Qualitäten ausspielen kann. Die Qualität der Malerei ist ihre Unmittelbarkeit, die Unmittelbarkeit eines Bildes, von dem reale und analoge Schwingungen ausgehen. Die Unmittelbarkeit eines Bildes, das reine Energie ausstrahlt. Die Unmittelbarkeit eines Bildes, das den Prozess seines Ergebnisses sichtbar macht. Die Unmittelbarkeit eines Bildes, das mit den denkbar einfachsten Mitteln gestaltet ist. Die Qualität der Malerei liegt in ihrer Unmittelbarkeit. Ich verstehe ja bis heute nicht, warum anderen Menschen meine Bilder gefallen, warum andere Menschen von meinen Bildern berührt werden. Ich stehe staunend daneben und betrachte die Reaktion. Ich begreife sie nicht. Was versteht ein anderer Mensch von dem Bild, das ich gemalt habe? Warum ist ein anderer Mensch von einem meiner Bilder einfach angetan? Warum reagiert ein anderer Mensch so emotional auf meine Bilder? Ich begreife es nicht, ich begreife nicht, wie hier die Vermittlung erfolgt. Ich begreife, warum jemand angetan ist, wenn ich verbal kommuniziere. Ich begreife, warum meine Briefe andere emotional betreffen. Ich begreife die Kraft des gesprochenen Wortes. Die Kraft eines Bildes begreife ich noch nicht. Wenn ich Dir mitteile, warum ich "Strohballen" für genial halte, so begreife ich eher, dass Du von meiner Beschreibung angetan bist als vom Bild selbst. Wenn ich Dir sage, dass "Strohballen" eben den Schopenhauer´schen Prozess bis ins konkrete Ergebnis fortführt, indem es den wollenden Malakt im Ende als "Strohballen" erkennt, der noch dazu konkret und anschaulich ist und nicht abstrakt und begrifflich wie "Sehnsucht". "Strohballen" hat gegenüber "Sehnsucht", welches grundsätzlich den Willensakt des Malens ebenso zu einem erkennbaren und erkannten Ende führt, die zusätzliche Qualität der Anschaulichkeit. Kein Mensch weiß, wie "Sehnsucht" aussieht, jeder hingegen kennt einen "Strohballen". Und wenn "Strohballen" ex post entsteht, ohne ex ante bewußt gewollt worden zu sein, dann macht dieses Bild nicht nur die Schopenhauer´sche Dimension des Willensaktes, sondern darüberhinaus die Freud´sche Dimension des Unbewußten sichtbar. "Strohballen" wollte von Anbeginn an "Strohballen" werden, ich war mir nur dessen im Malprozess noch nicht bewußt. Malen ist daher neben dem Willensakt auch ein Prozess der Bewußtwerdung. "Strohballen" ist das bewußte anschauliche Ergebnis eines unbewußten Willensprozesses. "Strohballen" ist genial. Ich begreife also, dass Du, wenn Du diesen Brief liest, den Inhalt meiner Worte begreifst. Ich begreife nicht, dass wenn Du das Bild siehst, den Inhalt dieses Bildes begreifst. Was begreifst Du, wenn Du "Strohballen" siehst? Kommuniziert Dir "Strohballen" die Auferstehung der Malerei, nachdem sie Malewitsch für tot erklärt hat und der Abstrakten Malerei die Wiederbelebung gelungen ist? Siehst Du in "Strohballen" die Genialität, wie ich sie erkenne? Was hast Du in "Nothing" gesehen? Hast Du die Synthese von Furtwänglerbeethoven und Kleiberstrauss mit einem Schuss Celibidachebruckner gesehen? Natürlich nicht, das kannst Du nicht sehen, weil es eben meine Assoziationen sind. Du assoziierst eben andere Dinge, und das ist die Qualität der Malerei. Sie lässt die Freiheit der eigenen Assoziation. Und daher kann sie, wenn sie kraftvoll ist, für jeden Menschen einen Zugang schaffen. Und deswegen können ganz viele Menschen meinen "Strohballen" für genial halten. Aus ganz verschiedenen Gründen, vielleicht, weil Ocker einfach ihre Lieblingsfarbe ist. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich Maler bin. Es lebe die Kunst! |