Unmittelbar nach der Besetzung Oesterreichs durch die Truppen des Deutschen Reichs im Fruehjahr 1938 begaben sich der Reichsfuehrer SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler sowie der Chef des SS-Verwaltungsamtes Oswald Pohl nach Mauthausen, um die dortigen Steinbrueche zu inspizieren und zu pruefen, ob dieser Ort für die Errichtung eines Konzentrationslagers geeignet waere.

Im Herbst 1994 begaben sich Leopold Kuhn, Hermann Lein und Hans Marsalek ebendorthin, um zu erzaehlen, was fuer sie daraus geworden ist. Sie erinnern sich in langen Spaziergaengen durch ihre Geschichte an die Zeit davor, danach, und an ihre Zeit mittendrin. Im Konzentrationslager Mauthausen.

Dieser Film. Er ist eine Geschichte. Es sind viele Geschichten. Es sind zuerst und vor allem drei Ueberlebensgeschichten. Es ist aber auch unsere Geschichte, in vielerlei Hinsicht. Es ist die Geschichte unseres Landes, die Geschichte unserer Eltern
und Grosseltern - und dadurch unsere. Es ist die Geschichte von Menschen, menschlicher Moeglichkeiten und Kultur - und dadurch unsere. Es ist die Geschichte von uns selbst, die wir uns auf diese Geschichte einlassen und wie wir das tun - und vor allem dadurch unsere. Ich wünsche mir, dass wir einige Menschen mitnehmen koennen in diese Geschichte, auf unsere Reise, den Herbstspaziergang.

Die Geschichte des Films:

Mauthausenbesuch im Sommer 1993
Plaene eines Films im Herbst 1993
Recherchet im Fruehling 1994
Bekanntschaft mit Leopold Kuhn im Fruehling 1994
Zusammentreffen des Teams im Sommer 1994
Bekanntschaft mit Hermann Lein und Hans Marsalek im Sommer 1994
Dreharbeiten im Herbst 1994:
Interviewstaffel Wien Justizpalast, Stephansplatz, Resselpark Anfang Oktober 1994
Besuch von Mauthausen Ende Oktober 1994
Interviewstaffel zu Hause Mitte November 1994
Sponsorensuche im Herbst 1994
Arbeiten am Drehbuch im Dezember 1994
Schnittstaffel im Februar 1995
Premiere am Ersten Mai 1995 im Wiener Filmhaus-Kino

 


Das Ende aller Zivilisation: Das Lager
von Andrzej Szczypiorski

copyright Andrzej Szczypiorski bei Diogenes Zuerich, 1995,
Essay aus 'Europa ist unterwegs'.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

I.

Die sprachliche Tradition des Wortes ist ziemlich einfach. Es bezeichnet einen von Menschen bewusst gewaehlten Ort, wo sie sich zu einer Gruppe sammeln oder wo sie zu einer Gruppe gesammelt werden. Ein Militaerlager zum Beispiel oder ein Pfadfinderlager. Ein Lager von Wanderern, das diese aufgeschlagen haben, um unterwegs auszuruhen. Ich hoere Laerm in dem Wort, Zurufe, das Echo zahlreicher Gespraeche und Schritte. Ich finde in dem Wort immer eine Bewegung, etwas geschieht dort, jeden Augenblick kann sich etwas ereignen. Aber das sind Assoziationen, die sich aus der Sprache selbst ergeben. Wenn ich jedoch versuche, den Terminus "Lager" an der historischen Erfahrung zu messen oder an meinem eigenen Schicksal, so befinde ich mich in einer voellig anderen Welt. Das Lager ist fuer mich Dunkelheit, Nichts. Sogar noch weniger. Ich verstehe die Juden, fuer die Auschwitz der Tod Gottes war. Fuer den Christen bedeutet der Tod Gottes die Kreuzigung. Aber nach der Kreuzigung ist Christus wieder auferstanden. Auf dieser Ueberzeugung gruendet die gesamte Zivilisation Europas. Genau deshalb war das Lager als historische Erfahrung unseres Jahrhunderts des Ende der Zivilisation. Vielleicht sogar noch mehr, denn im eschatologischen Sinn musste es das Ende aller Zivilisation bezeichnen, mithin auch das Ende des Menschseins, das Ende der Welt, das Ende von allem.

II.

Hitlers KZ und Stalins Gulag bildeten die Schwelle, hinter der sich nur noch das Nichts erstreckte. Fuer bestimmte Deutsche, die der Demokratie verbunden sind, auch in der Tradition der gesellschaftlichen Linken stehen, ist das Gleichheitszeichen zwischen dem KZ und dem Gulag schwer zu akzeptieren. Man hat mich schon mehrmals darauf hingewiesen. Es gab sogar Leute, die behaupteten, wenn ich in einem Atemzug Sachsenhausen und Workuta, Auschwitz und Komi aufzaehle, erwiese ich der Demokratie in Deutschland einen schlechten Dienst, weil ich mich auf diese Weise mittelbar dem Chor sehr kontroverser Historiker anschloesse, die versuchen, mit der Existenz des Kommunismus den Nationalsozialismus Adolf Hitlers zu rechtfertigen. Ich habe mich immer fuer einen Mann der Linken gehalten. Auf jeden Fall bin ich in sozialdemokratischen Traditionen erzogen. Hinzufuegen moechte ich, dass ich Noltes Anschauungen kenne und nie geteilt habe. Doch habe ich meine Erfahrungen, meine Erinnerung, und ich trage in meinen Knochen die Erfahrungen und Erinnerungen meiner Nation. Was die weltanschaulichen Begruendungen und das politsche Programm betrifft, gab es zwischen dem Hitlerismus und dem Stalinismus riesige Unterschiede - in der Voelkermordpraxis aber gar keine. Wenn im Gulag keine Gaskammern und Krematorien arbeiteten, dann nur delhalb, weil das Klima selbst eine hinreichende Selektion der Verurteilten vornahm. Zum Teil toetete es auch und begrub anschliessend kostenlos die Opfer. Darum ist das Lager fuer mich nicht nur die ausdruecklichste Verkoerperung der Verbrechen des "Dritten Reiches", sondern bildet auch das Symbol des Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Es ist nicht nur eine deutsche Angelegenheit, sondern - weiter, tiefer, tragischer - eine allgemein menschliche Angelegenheit.

III.

Die grosse polnische Schriftstellerin Zofia Nalkowska hat 1945 einen sehr klugen Satz geschrieben: "Dieses Schicksal haben Mensch den Menschen bereitet." Menschen - den Menschen. Nicht Deutsche den Juden oder Polen, Russen oder Franzosen. Nicht Russen den Russen, Polen oder Deutschen. Menschen haben Menschen zu jener zeit etwas angetan, was das Ende aller Vorstellungen vom Menschen bezeichnete. Adorno schrieb 1947, nach Auschwitz muesse die Poesie verstummen. Ich nehme an, fuer ihn bedeutete es: Das Lager hat gewissermassen den metaphysischen Sehnsuechten der menschlichen Person ein Ende gesetzt. Es gab keinen Platz mehr fuer die Metaphysik, denn dem Menschen widerfuhr die metaphysische Einweihung, wenn er die Hoelle des Lagers betrat.

IV.

Eine rationale Erklaerung des Phaenomens Lager ist meines Erachtens nich moeglich. Die soziologische und die politische Beschreibung des menschlichen Schicksals erweisen sich als zu begrenzt, flach und banal, um in vernuenftigen Kategorien die Existenz des Lagers zu begruenden. Es gibt ueber dieses Gebiet sehr viele tiefe und kluge Arbeiten, man kann daraus eine ganze Bibliothek zusammenstellen, doch der Mensch bleibt ratlos. Denn was heisst es zum Beispiel, dass Adolf Hitler in einem von der Wirtschftskrise ausgezehrten, von der Niederlage im Ersten Weltkrieg gedemuetigten Land auftrauchte und zahlreiche Anhaenger gewann, indem er ihnen Deutschlands Glorie, den Wohlstand und die Weltherrschaft versprach? Erklaert das, warum sich Menschen fanden, die Hunderttausende von Juden ermordeten, bloss weil sie Juden waren? Ermoeglicht das, die Motive eines Doktor Mengele zu verstehen oder die des Auschwitz-Kommandanten Hoess oder eines namenlosen SS-Mannes, der auf einer Warschauer Strasse spazierenging, ploetzlich mit seiner Pistole auf Passanten schoss und sich vor Lachen nicht halten konnte, wenn er einen durch die Kugeln sterbenden Greis sah? Es gibt eine winzige Chance, das Lager ganz zu Beginn seiner Existenz zu erklaeren. Man kann sagen, das Lager sei als Folge der Dummheit entstanden. Der Mensch ist von Natur aus schwach un fuerchtet sich darum vor der Wirklichkeit. Je geringer sein Wissen um die ihn umgebende Welt, desto groessere Aengste hat er. Angst erzeugt Aggression. Was ich nicht kenne, ist mir fremd. Das Fremde ist fuer mich feindlich, bedrohlich und erfuellt mich mit Furcht. Ich muesste also das Fremde von meiner Welt isolieren, es aus meiner Welt eliminiern. Das Lager ist ein guter Ort, um in ihm meine Aengste einzuschliessen. Die Juden sind fuer mich Fremde - ich sperre sie ins Lager. Die Homosexuellen sind fuer mich Fremde - ich sperre sie gleichfalls ins Lager. Die Funktionaere der Gewerkschaften sind fuer mich Fremde - ins Lager mit ihnen. Das Lager habe ich mit Stacheldraht umgeben, Wachen aufgestellt, meine Welt ist gereinigt von fremden Elementen. Ich atme auf, weil ich die Sphaere meiner Aengste begrenzt habe. Bis zu diesem Punkt ist das Lager gerade noch rational zu erklaeren. Und die rationale Argumentation gegen das Lager draengt sich von selbst auf: Waere ich nicht so ungebildet und dumm, verstuende ich ein wenig mehr von der mich umgebenden Welt, wuerde ich so primitiven Vorstellungen nicht erliegen. Haette ich ein paar Buecher mehr gelesen, haette ich von Kluegeren mehr gelernt, wuesste ich nach einiger Zeit, dass ein Jude ein Mensch ist wie ich und nur einen anderen Glauben an Gott hat, andere Sitten, eine andere Sprache. Ein Homosexueller ist mein Naechster, ein bisschen anders als ich, aber mit den gleichen Rechten. Ein Gewerkschafter beschaeftigt sich mit einem bestimmten Gebiet des oeffentlichen Lebens, das auch mich betrifft, und wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, ist daran nichts Boeses. Ein wenig mehr Grips im Kopf, ein wenig Bildung, ein wenig Wissen, ein wenig Kultur - und das Lager existiert nicht mehr, weil meine Aengste vergangen sind. Immerhin, vor einiger Zeit - und so lange ist das nicht her - glaubten die Menschen an Hexen und fuerchteten sie. Man verbrannte sie auf Scheiterhaufen. Spaeter wurde der Bereich allgemein zugaenglichen Wissens groesser - und niemand glaubte mehr an Hexen. Vor hundert Jahren fuerchteten die Menschen die Dunkelheit, dann hoerten sie auf, sich zu fuerchten. Der ganze Fortschritt beruht auf der Gewoehnung und der Begrenzung unserer Aengste. Darum ist die oeffentliche Aufklaerung eine Garantie fuer Toleranz und Einsicht. In diesem Sinn also find ich den Anfang des Lagers in der Unbildung, Dummheit und Stumpfheit der Menschen, die wenig von der Wirklichkeit wussten und sich deshalb angesicht einer raetselhaften Fremdheit von der Angst leiten liessen. Doch die weitere Geschichte des Lagers entzieht sich der rationalen Erklaerung.

V.

Ein Mann - betrachten wir einen fuer seine Zeit nicht schlecht gebildeten Mann, einen Arzt, eine Liebhaber klassischer Musik, den vor allem das Geigenspiel ruehrte. Dieser Mann besass eine ordentliche fachliche Ausbildung, er versuchte, seine Patienten freundlich zu behandeln, er kuemmerte sich um sie, wenn sie wieder gesund waren. Er wurde geschaetzt, weil er ein betraechtliches geselliges Talent besass, lustige Geschichten erzaehlte, vielleicht auch ein bisschen phantasierte, doch ohne zu uebertreiben. Politisch galt er als Anhaenger nationaler deutscher Ansprueche, das war damals keine Ausnahme, zu jener Zeit dachten zahlreiche Deutsche aehnlich, weil sie sich gedemuetigt fuehlten durch die Niederlage im Krieg, durch Versailles, die Armut, die ihnen als Folge der Ruecksichtslosigkeit der siegreichen Alliierten erschien. Die Leute waren nicht ueberzeugt von der Republik, die sie getaeuscht und betrogen hatte; ueberall herrschte Durcheinander, rundum gab es viel Unmoral: Einige wenige bereicherten sich schamlos, die Mehrheit litt Mangel. Dieser ordentliche Arzt litt sehr unter dem Verfall der Sitten, unter der Armut, dem Grau des Lebens und der Perspektivlosigkeit fuer ihn selber und seine grosse Nation, die der Welt soviel gegeben hatte und jetzt von ihr stiefmuetterlich behandelt wurde. Selbstverstaendlich standen dahinter die Juden sowie die kapitalistischen Verschwoerer. Da gab es keinen Zweifel. Die Juden und die kapitalistischen Verschwoerer hatten sich mit den Kommunisten abgestimmt und wollten gemeinsam die deutsche Nation versklaven. Dieser junge Arzt war sicher ein wenig besorgt, wenn er an dieses Buendnis der Kapitalisten und Kommunisten gegen Deutschland dachte; denn schliesslich kannte er sich aus in der Welt. Doch war er zur Wertschaetzung bestimmter Hierarchien erzogen, dabei auch fuer die Obrigkeit, er verhielt sich Hoeherstellten gegenueber mit einer gewissen Demut, wenn diese sagten, so solle es geschehen, dann akzeptierte er sogar Dinge, die ihm zunaechst zweifelhaft und unklar vorkamen. Jedenfalls war er nicht zufrieden mit der bestehenden Ordnung, er wollte wie die grosse Mehrheit der Nation irgendwelche Veraenderungen, Verbesserungen, eine Genugtuung, einen deutschen Triumph, er hatte genug von Erniedrigungen, von Elend und Unordnung. Im Jahr 1933 begann Deutschland sich zu aendern; ganz nach dem Wunsch unseres Arztes. Juden, die vorher die besseren Wohnungen besessen hatten, zogen in schlechtere, und Deutsche zogen aus den schlechteren Wohnungen in die besseren. Die hochmuetigen Franzosen erwiesen sich als degenerierte Froschfresser, und die Englaender wurden als kleine Kraemer und Paederasten entlarvt. Kommunisten und Gewerkschafter, Sozialdemokraten und ueberschlaue Intellektuelle kamen in die Lager. Das "Dritte Reich" war rein, sauber, gut organisiert, vom Geist nationaler Einheit beseelt und seinem Fuehrer Adolf Hitler ergeben. Die Arbeitslosigkeit verschwand, Autobahnen wurden gebaut, alles war endlich deutsch und entsprach dem Bedarf schlichter, arbeitsamer Menschen. Das Lager gab es schon, doch bildete es noch nicht den Sinn und das Ziel des grossen Wandels. Vorlaeufig diente das Lager der Idee. Erst spaeter sollte sich herausstellen, dass die Idee dem Lager diente. Der Arzt betreute weiterhin seine Patienten und war immer zufriedener und immer staerker engagiert. Alles fuegte sich, wie sich das gehoert.

VI.

Einige Jahre spaeter stand er fruehmorgens auf, wie das seine Gewohnheit war, ass ein bescheidenes Fruehstueck und ging auf das Revier. Dort gab er Anweisungen zur Organisation der Tagesarbeit. Dann ging er auf die Rampe. Der Zug traf ein. Die Menschen stiegen aus, Juden aus ganz Europa. Der Arzt stand auf dem Bahnsteig und traf die Wahl zwischen den Aussteigenden. Die einen schickte er ins Gas, andere zur Arbeit, noch andere nahm er mit ins Revier. Die Juden im Revier unterzog er verschiedenen Experimenten. Als Student hatte er sich frueher mit aehnlichen Dingen beschaeftigt, er hatte unter Anleitung der Professoren Experimente an Ratten und Meerschweinchen durchgefuehrt. Diese Beschaeftigung hatte er nie gemocht. Auch jetzt im Revier machte er nicht gern Experimente an lebenden Menschen, sondern betrachtete das als Pflicht dem Reich gegenueber, das ja einen Krieg fuehrte. In den Nachmittagsstunden toetete er zahlreiche Menschen mit Phenolspritzen; er sorgte stets dafuer, dass Nadeln und Spritzen sterilisiert wurden, wie sich's gehoert, denn er war ein anstaendiger Arzt. Abends hoerte er Schallplatten, er liebte vor allem Violinkonzerte, trank Rotwein aus Frankreich, ass gute Gaense aus Polen und nahm sich manchmal, aber nicht regelmaessig, eine Frau mit ins Bett, die am naechsten Morgen umgebracht wurde - und so lebte er irgendwie, von einem Tag auf den anderen, ohne grosse Erregungen, ohne dienstliche Verfehlungen, in einer gewissen Heiterkeit des Geistes und in der Hoffnung, er wuerde eines Tages besser, weil es keine Juden mehr auf der Welt geben wuerde. Die Polen wuerden dann nur noch Zugtiere sein, die Franzosen eine kolonisierte Bande, Briten und Amerikaner demuetig und unterdrueckt, er selbst aber, Dr. Mengele, wuerde keine Experimente mehr machen muessen, er wuerde saubere, angenehme, hoefliche, kulivierte Deutsche verarzten, denn die Welt wuerde gesaeubert sein und eingereichtet, wie es sich gehoert, dem Willen und der Vision Adolf Hitlers entsprechend.

VII.

Ich glaube, erst zu der Zeit, da Doktor Mengele sich systematisch auf das Revier, auf die Rampe, wieder auf das Revier und dann ins Leichenhaus und schliesslich in sein angenehmes, sauberes Haus begab, in dem jedoch die Fenster immer geschlossen blieben wegen des schwer zu ertragenden Gestanks der in der Naehe verbrannten Hunderttausende von Leichen, dass erst zu dieser Zeit das Lager anfing, als ein Sinnbild fuer das Leben damals zu existieren. Und erst da entglitt das Lager der Kuratel der Vernunft. Noch im Jahr 1938, vielleicht sogar noch im Jahr 1940 konnte man das Lager rational erklaeren. Natuerlich konnte man es weder begruenden noch rechtferigen. Aber man konnte es in den Kategorien der menschlichen Vernunft erlaeutern, indem man Massstaebe der Politik, der Oekonomie, der Soziologie, der Historie und sogar der Philosopie und Psychologie verwandte. Nach dem Jahr 1940 genuegten weder Marx noch Sorel, weder Pareto noch Hegel, weder Bergson noch Husserl, um irgend etwas im Verhalten der gewoehnlichen Menschen zu erklaeren, die in ihrer Freizeit auf dem Klavier Bach spielten oder "Eine kleine Nachtmusik", die sich mit ihren Kindern und den geliebten Hunden beschaeftigten und dann zehn Stunden und mehr im Schweiss ihres Angesichts, in Gestank und Mief, unter schrecklichen Leiden anderer Menschen - ganz einfach auf hunderterlei Weise ihre Naechsten umbrachten. Kein Weiser waere imstande, das zu erklaeren, auch Sigmund Freud mit seiner Traumtheorie nicht, ja nicht einmal der heilige Paulus, fuer den doch die Juden die Moerder des Herrgotts waren. Niemand, auch kein Teufel konnte das erklaeren, und deswegen ist von da an das Lager ein grosses Geheimnis der menschlichen Natur und wird es fuer immer bleiben.

VIII.

Auf der Schwelle des Lagers endet das Europa der Aufklaerung. Jemand hat gesagt, das sei ein neues Mittelalter gewesen. Vielleicht meinte er die von den Ideen eines Rousseau, Voltaire oder der Enzyklopaedisten noch unberuehrte Welt, eine in diesem Sinne angeblich dumpfe Welt voller Raetsel, die nicht an die Vernunft glaubte. Aber es war kein neues Mittelalter. Der Mensch im Mittelalter empfand grosse Demut vor Gott und vor maechtigen Naturkraeften und hielt sich selbst fuer ein unvollkommenes Geschoepf, das nicht auf den Gedanken kam, die Ordnung der Dinge nach eigenem Belieben zu aendern. Das Lager war kein Mittelalter. Eher das Gegenteil. Es war in grossem Masse ein Bastard des Aufklaerungsgedankens und gewiss die endgueltige logische Konsequenz aus der Illusion, welche die Aufklaerung in den Geist der Europaeer gepflanzt hat. Es war die Illusion, dass der menschliche Verstand allmaechtig ist und die menschlichen Moeglichkeiten grenzenlos sind. Schliesslich gab es im 19. Jahrhundert Gruende, an eine solche Illusion zu glauben. Schliesslich tat die Welt einen grossen Schritt vorwaerts im Reich der Erkenntnis. Die Menschen wurden klueger, die Materie fuegsamer, alles liess sich praechtig an. Aber wenn man die Entwicklung der Technik steuern kann, dann kann man wohl auch die Entwicklung der Gesellschaft steuern. Marx war ein fleissiger und itelligenter Schueler der Aufklaerung. Der Mensch ist "unbeschreiblich plastisch", sagten die Anhaenger des historischen Materialismus. Man kann den Menschen planen. Das Sowjetreich sollte zur Wiege einer neuen, herrlichen Rasse wissenschaftlich geformter Menschen werden. Trotzkij schrieb das fast woertlich so. Das 19. Jahrhundert hat ihn erzogen. Das "Dritte Reich" war auf seine Weise eine Art von Laboratorium des rassisch reinen Deutschtums, des Herrenvolkes, das fuer die naechsten tausend Jahre die Welt beherrschen sollte. Auch Hitler kam aus dem 19. Jahrhundert, aus jener Epoche des Glaubens an die Vernunft und an die unbegrenzten Moeglichkeiten des Menschen. Im Nationalsozialismus gab es keinerlei Mystik. Der Nationalsozialismus war sehr rational, alles wurde dort ordentlich geplant. Nur der Fanatismus der Nazimassen wirkte wie von einer Art Religiositaet durchdrungen. Etwas Aehnliches war spaeter, schon nach der grossen Tschistka der dreissiger Jahre, der Stalinkult in der Sowjetunion. Der Mensch laesst sich aendern - nach gewissen Rezepten, Regeln, Grundsaetzen. Man muss ihn nur entsprechen praeparieren. Vernunft und Wille entscheiden ueber alles. Hoeher als der Mensch steht buchstaeblich nicht. Er ist der Herr des Weltalls. Nach dieser Feststellung kann man jede Auswahl treffen. Die Diktatur einer Klasse oder der germanischen Rasse, die proletarische Weltrevolution oder das Tausendjaehrige Reich, Hammer und Sichel oder das Hakenkreuz, die braune oder die rote Tyrannei, Gulag oder KZ. Wenn der Mensch alles kann und selbst die Granzen seiner Taten festlegt, gibt es nichts mehr ausser ihm.

IX.

Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt, hat Dostojewskij gesagt. Man kann das umkehren und sagen, wenn alles erlaubt ist, gibt es Gott nicht. Gott wurde erschlagen. Er wurde langsam erschlage in sehr langer zeit, auf Raten, ueber Jahrhunderte. Je mehr die Ueberzeugung des Menschen wuchs, sein Verstand habe keine Grenzen, waehrend die Entwicklungschancen unendlich seien - schrumpfte Gott im Menschen. Nicht nur dieser persoenliche Gott, an den Juden und Christen glauben, sondern auch das Element des Goettlichen in der Person des Menschen, ihr Gewissen, das die Entscheidung faellt zwischen dem, was gut, und dem, was schlecht ist. Das Lager - das bedeutet: Das Toeten ist gut, weil ich es kann. Das Lager ist also die Konsequenz der nachaufklaererischen Illusion ueber meine eigene Allmacht. Meine Allmacht ist die Freiheit von Gewissen. Doch ohne Gewissen ist nichts mehr da, ist das Nichts. Das Lager ist das Nichts. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts tragen wir alle das Lager in uns. Das ganze Leben wird zur Wahl. Fuer oder gegen das Lager. Fuer oder gegen das Nichts.

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler