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Das Ende aller
Zivilisation: Das Lager
von Andrzej Szczypiorski
copyright Andrzej
Szczypiorski bei Diogenes Zuerich, 1995,
Essay aus 'Europa ist unterwegs'.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
I.
Die sprachliche Tradition
des Wortes ist ziemlich einfach. Es bezeichnet einen von Menschen bewusst
gewaehlten Ort, wo sie sich zu einer Gruppe sammeln oder wo sie zu einer
Gruppe gesammelt werden. Ein Militaerlager zum Beispiel oder ein Pfadfinderlager.
Ein Lager von Wanderern, das diese aufgeschlagen haben, um unterwegs auszuruhen.
Ich hoere Laerm in dem Wort, Zurufe, das Echo zahlreicher Gespraeche und
Schritte. Ich finde in dem Wort immer eine Bewegung, etwas geschieht dort,
jeden Augenblick kann sich etwas ereignen. Aber das sind Assoziationen,
die sich aus der Sprache selbst ergeben. Wenn ich jedoch versuche, den
Terminus "Lager" an der historischen Erfahrung zu messen oder an meinem
eigenen Schicksal, so befinde ich mich in einer voellig anderen Welt.
Das Lager ist fuer mich Dunkelheit, Nichts. Sogar noch weniger. Ich verstehe
die Juden, fuer die Auschwitz der Tod Gottes war. Fuer den Christen bedeutet
der Tod Gottes die Kreuzigung. Aber nach der Kreuzigung ist Christus wieder
auferstanden. Auf dieser Ueberzeugung gruendet die gesamte Zivilisation
Europas. Genau deshalb war das Lager als historische Erfahrung unseres
Jahrhunderts des Ende der Zivilisation. Vielleicht sogar noch mehr, denn
im eschatologischen Sinn musste es das Ende aller Zivilisation bezeichnen,
mithin auch das Ende des Menschseins, das Ende der Welt, das Ende von
allem.
II.
Hitlers KZ und Stalins
Gulag bildeten die Schwelle, hinter der sich nur noch das Nichts erstreckte.
Fuer bestimmte Deutsche, die der Demokratie verbunden sind, auch in der
Tradition der gesellschaftlichen Linken stehen, ist das Gleichheitszeichen
zwischen dem KZ und dem Gulag schwer zu akzeptieren. Man hat mich schon
mehrmals darauf hingewiesen. Es gab sogar Leute, die behaupteten, wenn
ich in einem Atemzug Sachsenhausen und Workuta, Auschwitz und Komi aufzaehle,
erwiese ich der Demokratie in Deutschland einen schlechten Dienst, weil
ich mich auf diese Weise mittelbar dem Chor sehr kontroverser Historiker
anschloesse, die versuchen, mit der Existenz des Kommunismus den Nationalsozialismus
Adolf Hitlers zu rechtfertigen. Ich habe mich immer fuer einen Mann der
Linken gehalten. Auf jeden Fall bin ich in sozialdemokratischen Traditionen
erzogen. Hinzufuegen moechte ich, dass ich Noltes Anschauungen kenne und
nie geteilt habe. Doch habe ich meine Erfahrungen, meine Erinnerung, und
ich trage in meinen Knochen die Erfahrungen und Erinnerungen meiner Nation.
Was die weltanschaulichen Begruendungen und das politsche Programm betrifft,
gab es zwischen dem Hitlerismus und dem Stalinismus riesige Unterschiede
- in der Voelkermordpraxis aber gar keine. Wenn im Gulag keine Gaskammern
und Krematorien arbeiteten, dann nur delhalb, weil das Klima selbst eine
hinreichende Selektion der Verurteilten vornahm. Zum Teil toetete es auch
und begrub anschliessend kostenlos die Opfer. Darum ist das Lager fuer
mich nicht nur die ausdruecklichste Verkoerperung der Verbrechen des "Dritten
Reiches", sondern bildet auch das Symbol des Totalitarismus im 20. Jahrhundert.
Es ist nicht nur eine deutsche Angelegenheit, sondern - weiter, tiefer,
tragischer - eine allgemein menschliche Angelegenheit.
III.
Die grosse polnische
Schriftstellerin Zofia Nalkowska hat 1945 einen sehr klugen Satz geschrieben: "Dieses Schicksal haben Mensch den Menschen bereitet." Menschen - den
Menschen. Nicht Deutsche den Juden oder Polen, Russen oder Franzosen.
Nicht Russen den Russen, Polen oder Deutschen. Menschen haben Menschen
zu jener zeit etwas angetan, was das Ende aller Vorstellungen vom Menschen
bezeichnete. Adorno schrieb 1947, nach Auschwitz muesse die Poesie verstummen.
Ich nehme an, fuer ihn bedeutete es: Das Lager hat gewissermassen den
metaphysischen Sehnsuechten der menschlichen Person ein Ende gesetzt.
Es gab keinen Platz mehr fuer die Metaphysik, denn dem Menschen widerfuhr
die metaphysische Einweihung, wenn er die Hoelle des Lagers betrat.
IV.
Eine rationale Erklaerung
des Phaenomens Lager ist meines Erachtens nich moeglich. Die soziologische
und die politische Beschreibung des menschlichen Schicksals erweisen sich
als zu begrenzt, flach und banal, um in vernuenftigen Kategorien die Existenz
des Lagers zu begruenden. Es gibt ueber dieses Gebiet sehr viele tiefe
und kluge Arbeiten, man kann daraus eine ganze Bibliothek zusammenstellen,
doch der Mensch bleibt ratlos. Denn was heisst es zum Beispiel, dass Adolf
Hitler in einem von der Wirtschftskrise ausgezehrten, von der Niederlage
im Ersten Weltkrieg gedemuetigten Land auftrauchte und zahlreiche Anhaenger
gewann, indem er ihnen Deutschlands Glorie, den Wohlstand und die Weltherrschaft
versprach? Erklaert das, warum sich Menschen fanden, die Hunderttausende
von Juden ermordeten, bloss weil sie Juden waren? Ermoeglicht das, die
Motive eines Doktor Mengele zu verstehen oder die des Auschwitz-Kommandanten
Hoess oder eines namenlosen SS-Mannes, der auf einer Warschauer Strasse
spazierenging, ploetzlich mit seiner Pistole auf Passanten schoss und
sich vor Lachen nicht halten konnte, wenn er einen durch die Kugeln sterbenden
Greis sah? Es gibt eine winzige Chance, das Lager ganz zu Beginn seiner
Existenz zu erklaeren. Man kann sagen, das Lager sei als Folge der Dummheit
entstanden. Der Mensch ist von Natur aus schwach un fuerchtet sich darum
vor der Wirklichkeit. Je geringer sein Wissen um die ihn umgebende Welt,
desto groessere Aengste hat er. Angst erzeugt Aggression. Was ich nicht
kenne, ist mir fremd. Das Fremde ist fuer mich feindlich, bedrohlich und
erfuellt mich mit Furcht. Ich muesste also das Fremde von meiner Welt
isolieren, es aus meiner Welt eliminiern. Das Lager ist ein guter Ort,
um in ihm meine Aengste einzuschliessen. Die Juden sind fuer mich Fremde
- ich sperre sie ins Lager. Die Homosexuellen sind fuer mich Fremde -
ich sperre sie gleichfalls ins Lager. Die Funktionaere der Gewerkschaften
sind fuer mich Fremde - ins Lager mit ihnen. Das Lager habe ich mit Stacheldraht
umgeben, Wachen aufgestellt, meine Welt ist gereinigt von fremden Elementen.
Ich atme auf, weil ich die Sphaere meiner Aengste begrenzt habe. Bis zu
diesem Punkt ist das Lager gerade noch rational zu erklaeren. Und die
rationale Argumentation gegen das Lager draengt sich von selbst auf: Waere
ich nicht so ungebildet und dumm, verstuende ich ein wenig mehr von der
mich umgebenden Welt, wuerde ich so primitiven Vorstellungen nicht erliegen.
Haette ich ein paar Buecher mehr gelesen, haette ich von Kluegeren mehr
gelernt, wuesste ich nach einiger Zeit, dass ein Jude ein Mensch ist wie
ich und nur einen anderen Glauben an Gott hat, andere Sitten, eine andere
Sprache. Ein Homosexueller ist mein Naechster, ein bisschen anders als
ich, aber mit den gleichen Rechten. Ein Gewerkschafter beschaeftigt sich
mit einem bestimmten Gebiet des oeffentlichen Lebens, das auch mich betrifft,
und wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, ist daran nichts Boeses.
Ein wenig mehr Grips im Kopf, ein wenig Bildung, ein wenig Wissen, ein
wenig Kultur - und das Lager existiert nicht mehr, weil meine Aengste
vergangen sind. Immerhin, vor einiger Zeit - und so lange ist das nicht
her - glaubten die Menschen an Hexen und fuerchteten sie. Man verbrannte
sie auf Scheiterhaufen. Spaeter wurde der Bereich allgemein zugaenglichen
Wissens groesser - und niemand glaubte mehr an Hexen. Vor hundert Jahren
fuerchteten die Menschen die Dunkelheit, dann hoerten sie auf, sich zu
fuerchten. Der ganze Fortschritt beruht auf der Gewoehnung und der Begrenzung
unserer Aengste. Darum ist die oeffentliche Aufklaerung eine Garantie
fuer Toleranz und Einsicht. In diesem Sinn also find ich den Anfang des
Lagers in der Unbildung, Dummheit und Stumpfheit der Menschen, die wenig
von der Wirklichkeit wussten und sich deshalb angesicht einer raetselhaften
Fremdheit von der Angst leiten liessen. Doch die weitere Geschichte des
Lagers entzieht sich der rationalen Erklaerung.
V.
Ein Mann - betrachten
wir einen fuer seine Zeit nicht schlecht gebildeten Mann, einen Arzt,
eine Liebhaber klassischer Musik, den vor allem das Geigenspiel ruehrte.
Dieser Mann besass eine ordentliche fachliche Ausbildung, er versuchte,
seine Patienten freundlich zu behandeln, er kuemmerte sich um sie, wenn
sie wieder gesund waren. Er wurde geschaetzt, weil er ein betraechtliches
geselliges Talent besass, lustige Geschichten erzaehlte, vielleicht auch
ein bisschen phantasierte, doch ohne zu uebertreiben. Politisch galt er
als Anhaenger nationaler deutscher Ansprueche, das war damals keine Ausnahme,
zu jener Zeit dachten zahlreiche Deutsche aehnlich, weil sie sich gedemuetigt
fuehlten durch die Niederlage im Krieg, durch Versailles, die Armut, die
ihnen als Folge der Ruecksichtslosigkeit der siegreichen Alliierten erschien.
Die Leute waren nicht ueberzeugt von der Republik, die sie getaeuscht
und betrogen hatte; ueberall herrschte Durcheinander, rundum gab es viel
Unmoral: Einige wenige bereicherten sich schamlos, die Mehrheit litt Mangel.
Dieser ordentliche Arzt litt sehr unter dem Verfall der Sitten, unter
der Armut, dem Grau des Lebens und der Perspektivlosigkeit fuer ihn selber
und seine grosse Nation, die der Welt soviel gegeben hatte und jetzt von
ihr stiefmuetterlich behandelt wurde. Selbstverstaendlich standen dahinter
die Juden sowie die kapitalistischen Verschwoerer. Da gab es keinen Zweifel.
Die Juden und die kapitalistischen Verschwoerer hatten sich mit den Kommunisten
abgestimmt und wollten gemeinsam die deutsche Nation versklaven. Dieser
junge Arzt war sicher ein wenig besorgt, wenn er an dieses Buendnis der
Kapitalisten und Kommunisten gegen Deutschland dachte; denn schliesslich
kannte er sich aus in der Welt. Doch war er zur Wertschaetzung bestimmter
Hierarchien erzogen, dabei auch fuer die Obrigkeit, er verhielt sich Hoeherstellten
gegenueber mit einer gewissen Demut, wenn diese sagten, so solle es geschehen,
dann akzeptierte er sogar Dinge, die ihm zunaechst zweifelhaft und unklar
vorkamen. Jedenfalls war er nicht zufrieden mit der bestehenden Ordnung,
er wollte wie die grosse Mehrheit der Nation irgendwelche Veraenderungen,
Verbesserungen, eine Genugtuung, einen deutschen Triumph, er hatte genug
von Erniedrigungen, von Elend und Unordnung. Im Jahr 1933 begann Deutschland
sich zu aendern; ganz nach dem Wunsch unseres Arztes. Juden, die vorher
die besseren Wohnungen besessen hatten, zogen in schlechtere, und Deutsche
zogen aus den schlechteren Wohnungen in die besseren. Die hochmuetigen
Franzosen erwiesen sich als degenerierte Froschfresser, und die Englaender
wurden als kleine Kraemer und Paederasten entlarvt. Kommunisten und Gewerkschafter,
Sozialdemokraten und ueberschlaue Intellektuelle kamen in die Lager. Das "Dritte Reich" war rein, sauber, gut organisiert, vom Geist nationaler
Einheit beseelt und seinem Fuehrer Adolf Hitler ergeben. Die Arbeitslosigkeit
verschwand, Autobahnen wurden gebaut, alles war endlich deutsch und entsprach
dem Bedarf schlichter, arbeitsamer Menschen. Das Lager gab es schon, doch
bildete es noch nicht den Sinn und das Ziel des grossen Wandels. Vorlaeufig
diente das Lager der Idee. Erst spaeter sollte sich herausstellen, dass
die Idee dem Lager diente. Der Arzt betreute weiterhin seine Patienten
und war immer zufriedener und immer staerker engagiert. Alles fuegte sich,
wie sich das gehoert.
VI.
Einige Jahre spaeter
stand er fruehmorgens auf, wie das seine Gewohnheit war, ass ein bescheidenes
Fruehstueck und ging auf das Revier. Dort gab er Anweisungen zur Organisation
der Tagesarbeit. Dann ging er auf die Rampe. Der Zug traf ein. Die Menschen
stiegen aus, Juden aus ganz Europa. Der Arzt stand auf dem Bahnsteig und
traf die Wahl zwischen den Aussteigenden. Die einen schickte er ins Gas,
andere zur Arbeit, noch andere nahm er mit ins Revier. Die Juden im Revier
unterzog er verschiedenen Experimenten. Als Student hatte er sich frueher
mit aehnlichen Dingen beschaeftigt, er hatte unter Anleitung der Professoren
Experimente an Ratten und Meerschweinchen durchgefuehrt. Diese Beschaeftigung
hatte er nie gemocht. Auch jetzt im Revier machte er nicht gern Experimente
an lebenden Menschen, sondern betrachtete das als Pflicht dem Reich gegenueber,
das ja einen Krieg fuehrte. In den Nachmittagsstunden toetete er zahlreiche
Menschen mit Phenolspritzen; er sorgte stets dafuer, dass Nadeln und Spritzen
sterilisiert wurden, wie sich's gehoert, denn er war ein anstaendiger
Arzt. Abends hoerte er Schallplatten, er liebte vor allem Violinkonzerte,
trank Rotwein aus Frankreich, ass gute Gaense aus Polen und nahm sich
manchmal, aber nicht regelmaessig, eine Frau mit ins Bett, die am naechsten
Morgen umgebracht wurde - und so lebte er irgendwie, von einem Tag auf
den anderen, ohne grosse Erregungen, ohne dienstliche Verfehlungen, in
einer gewissen Heiterkeit des Geistes und in der Hoffnung, er wuerde eines
Tages besser, weil es keine Juden mehr auf der Welt geben wuerde. Die
Polen wuerden dann nur noch Zugtiere sein, die Franzosen eine kolonisierte
Bande, Briten und Amerikaner demuetig und unterdrueckt, er selbst aber,
Dr. Mengele, wuerde keine Experimente mehr machen muessen, er wuerde saubere,
angenehme, hoefliche, kulivierte Deutsche verarzten, denn die Welt wuerde
gesaeubert sein und eingereichtet, wie es sich gehoert, dem Willen und
der Vision Adolf Hitlers entsprechend.
VII.
Ich glaube, erst
zu der Zeit, da Doktor Mengele sich systematisch auf das Revier, auf die
Rampe, wieder auf das Revier und dann ins Leichenhaus und schliesslich
in sein angenehmes, sauberes Haus begab, in dem jedoch die Fenster immer
geschlossen blieben wegen des schwer zu ertragenden Gestanks der in der
Naehe verbrannten Hunderttausende von Leichen, dass erst zu dieser Zeit
das Lager anfing, als ein Sinnbild fuer das Leben damals zu existieren.
Und erst da entglitt das Lager der Kuratel der Vernunft. Noch im Jahr
1938, vielleicht sogar noch im Jahr 1940 konnte man das Lager rational
erklaeren. Natuerlich konnte man es weder begruenden noch rechtferigen.
Aber man konnte es in den Kategorien der menschlichen Vernunft erlaeutern,
indem man Massstaebe der Politik, der Oekonomie, der Soziologie, der Historie
und sogar der Philosopie und Psychologie verwandte. Nach dem Jahr 1940
genuegten weder Marx noch Sorel, weder Pareto noch Hegel, weder Bergson
noch Husserl, um irgend etwas im Verhalten der gewoehnlichen Menschen
zu erklaeren, die in ihrer Freizeit auf dem Klavier Bach spielten oder "Eine kleine Nachtmusik", die sich mit ihren Kindern und den geliebten
Hunden beschaeftigten und dann zehn Stunden und mehr im Schweiss ihres
Angesichts, in Gestank und Mief, unter schrecklichen Leiden anderer Menschen
- ganz einfach auf hunderterlei Weise ihre Naechsten umbrachten. Kein
Weiser waere imstande, das zu erklaeren, auch Sigmund Freud mit seiner
Traumtheorie nicht, ja nicht einmal der heilige Paulus, fuer den doch
die Juden die Moerder des Herrgotts waren. Niemand, auch kein Teufel konnte
das erklaeren, und deswegen ist von da an das Lager ein grosses Geheimnis
der menschlichen Natur und wird es fuer immer bleiben.
VIII.
Auf der Schwelle
des Lagers endet das Europa der Aufklaerung. Jemand hat gesagt, das sei
ein neues Mittelalter gewesen. Vielleicht meinte er die von den Ideen
eines Rousseau, Voltaire oder der Enzyklopaedisten noch unberuehrte Welt,
eine in diesem Sinne angeblich dumpfe Welt voller Raetsel, die nicht an
die Vernunft glaubte. Aber es war kein neues Mittelalter. Der Mensch im
Mittelalter empfand grosse Demut vor Gott und vor maechtigen Naturkraeften
und hielt sich selbst fuer ein unvollkommenes Geschoepf, das nicht auf
den Gedanken kam, die Ordnung der Dinge nach eigenem Belieben zu aendern.
Das Lager war kein Mittelalter. Eher das Gegenteil. Es war in grossem
Masse ein Bastard des Aufklaerungsgedankens und gewiss die endgueltige
logische Konsequenz aus der Illusion, welche die Aufklaerung in den Geist
der Europaeer gepflanzt hat. Es war die Illusion, dass der menschliche
Verstand allmaechtig ist und die menschlichen Moeglichkeiten grenzenlos
sind. Schliesslich gab es im 19. Jahrhundert Gruende, an eine solche Illusion
zu glauben. Schliesslich tat die Welt einen grossen Schritt vorwaerts
im Reich der Erkenntnis. Die Menschen wurden klueger, die Materie fuegsamer,
alles liess sich praechtig an. Aber wenn man die Entwicklung der Technik
steuern kann, dann kann man wohl auch die Entwicklung der Gesellschaft
steuern. Marx war ein fleissiger und itelligenter Schueler der Aufklaerung.
Der Mensch ist "unbeschreiblich plastisch", sagten die Anhaenger des historischen
Materialismus. Man kann den Menschen planen. Das Sowjetreich sollte zur
Wiege einer neuen, herrlichen Rasse wissenschaftlich geformter Menschen
werden. Trotzkij schrieb das fast woertlich so. Das 19. Jahrhundert hat
ihn erzogen. Das "Dritte Reich" war auf seine Weise eine Art von Laboratorium
des rassisch reinen Deutschtums, des Herrenvolkes, das fuer die naechsten
tausend Jahre die Welt beherrschen sollte. Auch Hitler kam aus dem 19.
Jahrhundert, aus jener Epoche des Glaubens an die Vernunft und an die
unbegrenzten Moeglichkeiten des Menschen. Im Nationalsozialismus gab es
keinerlei Mystik. Der Nationalsozialismus war sehr rational, alles wurde
dort ordentlich geplant. Nur der Fanatismus der Nazimassen wirkte wie
von einer Art Religiositaet durchdrungen. Etwas Aehnliches war spaeter,
schon nach der grossen Tschistka der dreissiger Jahre, der Stalinkult
in der Sowjetunion. Der Mensch laesst sich aendern - nach gewissen Rezepten,
Regeln, Grundsaetzen. Man muss ihn nur entsprechen praeparieren. Vernunft
und Wille entscheiden ueber alles. Hoeher als der Mensch steht buchstaeblich
nicht. Er ist der Herr des Weltalls. Nach dieser Feststellung kann man
jede Auswahl treffen. Die Diktatur einer Klasse oder der germanischen
Rasse, die proletarische Weltrevolution oder das Tausendjaehrige Reich,
Hammer und Sichel oder das Hakenkreuz, die braune oder die rote Tyrannei,
Gulag oder KZ. Wenn der Mensch alles kann und selbst die Granzen seiner
Taten festlegt, gibt es nichts mehr ausser ihm.
IX.
Wenn es keinen Gott
gibt, ist alles erlaubt, hat Dostojewskij gesagt. Man kann das umkehren
und sagen, wenn alles erlaubt ist, gibt es Gott nicht. Gott wurde erschlagen.
Er wurde langsam erschlage in sehr langer zeit, auf Raten, ueber Jahrhunderte.
Je mehr die Ueberzeugung des Menschen wuchs, sein Verstand habe keine
Grenzen, waehrend die Entwicklungschancen unendlich seien - schrumpfte
Gott im Menschen. Nicht nur dieser persoenliche Gott, an den Juden und
Christen glauben, sondern auch das Element des Goettlichen in der Person
des Menschen, ihr Gewissen, das die Entscheidung faellt zwischen dem,
was gut, und dem, was schlecht ist. Das Lager - das bedeutet: Das Toeten
ist gut, weil ich es kann. Das Lager ist also die Konsequenz der nachaufklaererischen
Illusion ueber meine eigene Allmacht. Meine Allmacht ist die Freiheit
von Gewissen. Doch ohne Gewissen ist nichts mehr da, ist das Nichts. Das
Lager ist das Nichts. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts tragen wir alle
das Lager in uns. Das ganze Leben wird zur Wahl. Fuer oder gegen das Lager.
Fuer oder gegen das Nichts.
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler |
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